Sustainability Blog #1: Nachhaltigkeit: Sinnlos und teuer?

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Nachrichten - 22 September 2021

Vielleicht stellen Sie sich die Frage: "Warum um alles in der Welt brauchen wir noch jemanden, der über Nachhaltigkeit im geschäftlichen Kontext spricht?" Was wäre, wenn ich Ihnen sagen würde, dass ich viele Bedenken teile, wenn es um Nachhaltigkeit geht und darum, dass Unternehmen das Thema überwiegend für geschäftliche Zwecke nutzen, ohne den Ehrgeiz, wirklich etwas zu bewirken? Mein Anliegen ist es, meinen Lesern eine transparente Perspektive zu bieten, wie Nachhaltigkeit innerhalb der Unternehmung weiter in den Mittelpunkt gerückt werden kann. Immer mit dem Ziel vor Augen, die Unternehmensperformance zu steigern und gleichzeitig echten Impact zu generieren.

Mein Name ist Stefan, ich bin 33 Jahre alt und lebe zusammen mit meiner Freundin in Frankfurt. Meine Reise in die nachhaltige Finanzwelt begann, als ich mich 2018 für "das fancy Thema" im Bereich Finance interessierte. Nachhaltige Finanzierung – das war für eine altmodische Branche mit wenig bahnbrechenden Innovationen in den letzten Jahrzehnten ziemlich einzigartig. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe mich in das Thema eingearbeitet und jede Information, die ich bekommen konnte, aufgesaugt. Ich habe mich in meinem Master im Bereich Green Finance spezialisiert und begann das Thema mehr und mehr im meinen Arbeitsalltag zu integrieren. Inzwischen bin ich für alle nachhaltigen Finanzaktivitäten bei ABF verantwortlich. Ich lebe für dieses Thema und habe die Ambition, mein Wissen weiterzugeben und meine Position in diesem Bereich so gut wie möglich zu nutzen.

Wenn man darüber liest, wie man einen Blog schreibt, der hängen bleibt, lautet ein Ratschlag immer "der erste Satz ist der wichtigste". In diesem Sinne, hier also mein erster Satz für Sie:

"Nachhaltigkeit: Sinnlos und teuer?"

Während meiner Studien über nachhaltige Finanzierung habe ich mehrere Interviews mit Corporate Treasurers und CFOs zu ihrer Wahrnehmung von nachhaltiger Finanzierung und Nachhaltigkeit in einem geschäftlichen Kontext geführt. Alle waren sich einig, dass Nachhaltigkeit langfristig auch für ihre Unternehmen ein entscheidender Faktor ist. Eine nicht zu verachtende Anzahl von ihnen hat jedoch ähnliche Aussagen wie die oben genannten gemacht und Zweifel daran geäußert, wie wirksam Nachhaltigkeit bereits heute für ihre Unternehmen ist.

Ich möchte eine alternative Sichtweise skizzieren, indem ich drei Aussagen zur Nachhaltigkeit treffe und darlege, warum ich glaube, dass es viel teurer sein wird, wenn man Nachhaltigkeit nicht schon heute als "Game Changer" im Geschäftskontext akzeptiert. In Anbetracht der Tatsache, dass die meisten Unternehmen die Sinnhaftigkeit hauptsächlich anhand monetärer Kriterien bewerten, werde ich mich an diese Darstellung halten, obwohl ich der Meinung bin, dass der Unternehmenswert viel breiter gefasst ist und oft nicht angemessen in monetären Begriffen messbar ist. Aber das lasse ich jetzt mal so stehen und werde meine Ansichten dazu in einer späteren Ausgabe mit Ihnen teilen.

Aussage 1: Vielen Unternehmen fehlt eine 360°-Sicht auf ihr Unternehmensumfeld

VERTRAUEN SIE IHREN AUGEN, es kommt eine Bewegung auf Sie zu:

- Politiker erkennen (endlich) das europäische Lieferkettengesetz an,

- Die EU-Taxonomie zur Definition nachhaltiger und sozialer Aktivitäten und Unternehmen wird zur Vorschrift für die Realwirtschaft - in einem ersten Schritt nur für Großunternehmen bzw. kapitalmarktorientierte Unternehmen, aber Pläne für eine Ausweitung des Geltungsbereichs auf KMU sind bereits in der Tasche der Politiker - und für Finanzinstitute,

- Gesetzgebung zu Klimafehlverhalten von Staaten, Finanzinstituten und Unternehmen,

- und nicht zu vergessen: alle Kundengespräche, die irgendwann auf das Thema Nachhaltigkeit hinauslaufen.

Die meisten Unternehmensentscheider dürften mit den "Five Forces“ von Porter, der "BCG-Matrix" oder anderen Metriken zur Bewertung ihrer Marktposition vertraut sein. Die Shareholder-Value-Theorie ist weit verbreitet und - überraschenderweise immer noch - allgemein akzeptiert. Obwohl insbesondere die Stakeholder-Value-Theorie in Europa immer mehr an Bedeutung gewinnt, da neue Generationen auf den Arbeitsmarkt drängen und in Führungspositionen gelangen. Der Hauptunterschied besteht darin, dass die Stakeholder-Value-Theorie viel breiter angelegt ist und sich auf eine größere Gruppe von Stakeholdern in einem ausgewogeneren Ansatz konzentriert, während die Shareholder-Value-Theorie die Aktionäre als wesentliche Stakeholder von Unternehmen akzeptiert.  Die zunehmende Relevanz der Stakeholder-Value-Theorie hat zur Folge, dass das ganzheitliche unternehmerische Umfeld und somit die ernstzunehmenden nachhaltigen Bedürfnisse aller Stakeholder verstärkt in den Vordergrund rücken.

 

Aussage 2: Menschen neigen dazu, kurzfristige Risiken zu überbewerten, während sie langfristige Risiken unterbewerten 

Die Forscher fanden heraus, dass vier Arten von Vorurteilen für Unternehmensentscheider von großer Bedeutung sind, wenn es um Nachhaltigkeit, genauer gesagt um den Klimawandel, geht.  Diese sind:

  1. Framing Bias: Verzerrung des Informationsrahmens

Die Sprache ist entscheidend. Die Art und Weise, wie Informationen präsentiert werden, ist für die Entscheidungsfindung von großer Bedeutung. Die Einordnung des Themas als "Klimawandel" oder "globale Erwärmung" verschleiert die Dringlichkeit von Maßnahmen.

  1. Optimism Bias: Optimismusverzerrung

Technologie und Innovation sind notwendig, aber das Verhalten des Einzelnen ist entscheidend. Wir neigen dazu, die Wahrscheinlichkeit von positiven Ereignissen zu überschätzen und die Wahrscheinlichkeit von negativen Ereignissen zu unterschätzen.

  1. Relevance Bias: Relevanzabweichung

Wissen ist entscheidend für fundierte Entscheidungen. Das subjektive Verständnis des Menschen basiert immer auf dem, was wir wissen oder zu wissen glauben. Dementsprechend sind wir bereits darauf programmiert, es zu ignorieren, wenn es nicht richtig verankert ist.

  1. Volition Bias: Willensvorurteil

Handeln Sie so, als ob die Verantwortung für Veränderungen bei Ihnen läge, und zwar bei Ihnen allein. Zögernd zu handeln, weil es keine gesetzlich verankerten "gleichen Voraussetzungen" gibt, führt dazu, die Verantwortung aufzuschieben. Dieser Effekt wird oft als "andere tun es auch" bezeichnet.

 

Aussage 3: Stagnation bedeutet Rückschritt

Es tut mir leid, dass ich so unverblümt bin, aber Transparenz in Bezug auf Themen erfordert auch Ehrlichkeit, und dies ist eine unbequeme Wahrheit:

Entscheider in Unternehmen zögern, wichtige Entscheidungen in Sachen Nachhaltigkeit zu treffen, vor allem, weil ihnen das Fachwissen fehlt.

Der Klimawandel und die soziale Gerechtigkeit sind unbestreitbar die wichtigsten Probleme unserer Menschheit im 21. Jahrhundert. Und doch zeigt eine aktuelle Umfrage, dass weltweit nur 17 % der Verwaltungsräte, die in Nachhaltigkeitsausschüssen sitzen, über Fachwissen im Bereich Nachhaltigkeit verfügen. Während wir also darauf warten, dass die Entscheidungsträger in den Unternehmen ihre Nachhaltigkeitskompetenz auf ein Niveau bringen, das mit ihrer Finanzkompetenz vergleichbar ist, haben die großen Unternehmen durch den Versuch, den Status quo beizubehalten, in der Vergangenheit die Kontrolle über ihr eigenes Schicksal verloren. Sie haben schlichtweg den Anschluss verpasst. Tappen Sie nicht in diese Falle, wie so viele andere zuvor und begreifen Sie Nachhaltigkeit als eine Chance, Ihren Erfolg zu steigern oder einen Wettbewerbsvorteil für Ihr Unternehmen zu entwickeln.

Sie glauben es immer noch nicht? Fragen Sie sich einfach, wohin all diese Vorschriften führen? Ja, Sie haben Recht! Eher früher als später wird der nachhaltige Wandel dazu führen, dass Unternehmen geformt und gestaltet werden. Gelder werden kanalisiert, Steuerregelungen werden verabschiedet, das Verbraucherverhalten ändert sich und Talente suchen nach einem Sinn in ihrem Arbeitsleben. All dies geschieht bereits in Europa und der Wandel vollzieht sich in diesen Tagen schnell.

Diejenigen unter Ihnen, die sich mit dem, was ich sage, bereits vertraut fühlen, können sich glücklich schätzen. Denn sie gestalten ihr Umfeld wahrscheinlich bereits auf nachhaltige Weise mit. Falls Sie sich durch meine Ausführungen angesprochen fühlen und neugierig auf mehr dieser Art sind, bleiben Sie einfach dran, denn es gibt gute Nachrichten für Sie: Jetzt ist die Zeit für den Wandel und dafür, Ihr Unternehmen auf ein solides Fundament zu stellen und ihm einen höheren Zweck zu geben. Ich kann bereits sehen, wie das Engagement Ihrer Belegschaft in die Höhe schießt!

"Das Geringste der Dinge mit einem Sinn ist im Leben mehr wert als das Größte ohne." (Zitat von Carl Jung, Psychologe)

Haben Sie weitere Gedanken und/oder Themen, die Sie gerne vertiefen möchten? Dann teilen Sie mir diese gerne per E-Mail (stefan.stubing@abnamroabf.com) mit.

Ihr Stefan Stübing

Dieser Blog wurde ursprünglich in Englisch verfasst und ist zu Lesen auf ABN AMRO Lease UK


Bei ABN AMRO ist Nachhaltigkeit mehr als nur ein Schlagwort. Wir unterstützen aktiv Unternehmen mit einem nachhaltigen Fokus. Wir bieten eine breite Palette flexibler Finanzierungslösungen, die Ihren Wandel in Richtung Nachhaltigkeit unterstützen. Wir setzen uns gemeinsam für eine stabile Wirtschaft und eine nachhaltige Gesellschaft ein.

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